19.11.2017
Parlamentarischer Abend der FREIEN WÄHLER: „Ehrenamt in turbulenten Zeiten“

Fahn: Bürgerschaftliches Engagement verdient mehr Unterstützung

München. Rund 3,8 Millionen Menschen in Bayern sind ehrenamtlich tätig – doch viele von ihnen klagen über zu geringe Wertschätzung für ihr Engagement, über zu wenig Budget und zu viel Bürokratie. Wie kann die Landespolitik diesen Menschen helfen, die für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft täglich so Wichtiges leisten? Darüber diskutierten die Landtagsabgeordneten Dr. Hans Jürgen Fahn und Florian Streibl am Freitag beim Parlamentarischen Abend der FREIEN WÄHLER „Ehrenamt in turbulenten Zeiten – Chancen und Hürden für das bürgerschaftliche Engagement“ im Maximilianeum.
 
„Bayern ist das Land des Ehrenamts – nicht weniger als 47,5 Prozent der Menschen engagieren sich hier. Egal ob Freiwillige Feuerwehr, Trachten-, Sport-, Jugendverbände oder Flüchtlings-Helferkreise – wir FREIEN WÄHLER wollen die Staatsregierung drängen, die Rahmenbedingungen für die Freiwilligenarbeit weiter zu verbessern. Denn wer das Ehrenamt so lobt, muss es auch materiell und ideell unterstützen“, stellte Fahn gleich in seiner Begrüßung klar. So müssten etwa die bayerischen Kommunen für die Einführung der EhrenamtsCard vom Freistaat mehr als die bisher einmalig gewährten 5.000 Euro erhalten. Wichtig sei auch die Einbeziehung der Schule. Hier eigne sich in hervorragender Weise das Service Learning – auch „Lernen durch Engagement" – genannt, das bayernweit umgesetzt werden müsse, so Fahn.
 
Nilüfer Aktürk und Serpil Gökdemir stellten das Pilotprojekt „MotherSchool“ (Präventionsprojekt gegen den Salafismus) sowie die Arbeit von „Frauen für Frauen e.V.“ vor. Der Verein aus Erlenbach am Main, der 2017 den Bayerischen Integrationspreis gewonnen hat, bietet unter anderem Deutschkurse, darunter die wöchentliche Veranstaltung „Meine Oma lernt Deutsch“, an. Auch die Schulung von Sprachvermittlern, das Müttercafé „Atempause“ mit Kinderbetreuung, sowie Schwimmkurse für Frauen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern gehören zu den Leistungen des gemeinnützigen Vereins. Kuriosum am Rande: Bei „Frauen für Frauen e.V.“ dürfen auch Männer Mitglied werden – allerdings ohne Stimmrecht.
 
Rund 600 Organisationen seien im Freistaat unter dem Dach des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern vereint, so deren Leiter Dr. Thomas Röbke zum Auftakt der ersten Podiumsdiskussion. Das alles koordiniere man mit nur zwei Vollzeitstellen – seit 2003 habe sich daran nichts geändert. Ehrenamt sei jedoch eine Daueraufgabe, deren finanzielle Unterstützung verstetigt werden müsse. Dr. Elfriede Schießleder vom Katholischen Frauenbund beklagte die Kluft im Hinblick auf die Ehrenamtspauschale. Wegen unterschiedlicher Pauschsätze entstehe ein Zwei-Klassen-Ehrenamt. Dies müsse zeitnah berichtigt werden, so Dr. Schießleder. Bei der Weiterbildung brauche man eine neue gesetzliche Regelung zur beruflichen Freistellung, die auch eine Qualifizierung für Tätigkeiten im Ehrenamt umfasse.
 
Die Freistellungspraxis in Bayern thematisierte Martin Holzner vom Bayerischen Jugendring: Zwar werde jeder Mitarbeiter im Staatsdienst auf Wunsch von der Arbeit freigestellt, erhalte jedoch keine Lohnfortzahlung. Damit werde die eigentliche Absicht des Freistellungsgesetzes ad absurdum geführt. Gerade junge ehrenamtlich Tätige könnten sich einen Verdienstausfall nicht leisten. Wer eine Jugendfreizeit leiten wolle, nehme dafür meist Urlaub – und vermisse die Anerkennung seines Dienstherren.
 
Verdienst der Helferkreise bei der Flüchtlingsintegration – was lernt die Politik daraus?“ – so das Motto der zweiten Diskussionsrunde. Mischa Kunz vom Verein Münchner Freiwillige e.V. kritisierte, es könne nicht sein, dass jemand, der in seiner Jugend dreimal beim Schwarzfahren erwischt worden sei und deshalb über kein „sauberes“ Führungszeugnis verfüge, sich als Erwachsener nicht an der Flüchtlingsbetreuung beteiligen dürfe. Hier müsse der Freistaat dringend praxisnahe Lösungen finden.
 
Ohnehin gehe es nicht immer ums Geld, so Sylvia Bogenreuther von der „SonnenZeit Freiwilligenagentur“ aus Ansbach: Es werde auch deshalb immer schwieriger, ehrenamtliche Kräfte zu gewinnen, weil zwischen Flüchtlingen und Helfern eine persönliche Beziehung entstehe. Werde ein Asylbewerber abgelehnt oder gar abgeschoben, sei dies für die Helferkreise ein gewaltiger emotionaler Einschnitt, der nicht leicht zu verkraften sei. Mehr Koordinatoren, die neue ehrenamtliche Angebote anschieben sollten, forderte Ulrich Falk vom Helferkreis Kitzingen. Es bedürfe eines Zuwanderungsgesetzes auf Bundesebene, um Einheimische, Asylbewerber und Ehrenamtliche nicht weiter zu verunsichern und außerdem eine legale Form der Zuwanderung – ohne Aushöhlung des Asylsystems – zu ermöglichen.
 
Der parlamentarische Geschäftsführer Florian Streibl warf Bundes- und Staatsregierung vor, während des gewaltigen Flüchtlingszustroms 2015/16 komplett versagt zu haben: „Hätten hier nicht die Abertausenden Helfer den zu uns kommenden Menschen selbstlos und teils bis zur absoluten Erschöpfung geholfen, wäre unser Staat damals vor die Wand gefahren. Im Gegensatz zu denjenigen, die unsere Sprache immer stärker verrohen lassen – vor allem in den sogenannten Sozialen Netzwerken – sind Sie Menschen, die positive Prozesse in Gang setzen. Das verdient tiefen Respekt und ich versichere Ihnen: Wir FREIEN WÄHLER werden Ihre Anliegen im Bayerischen Landtag auch in Zukunft nachdrücklich vertreten.“

Hinweis: Fotos der Veranstaltung finden Sie HIER.

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