12.03.2017
Parlamentarischer Abend „#Scheißegal – Kein Bock auf Politik? Jugend von heute zwischen Engagement und Verdrossenheit“

FREIE WÄHLER: In Jugendlichen schlummert mehr als nur Drang nach Konsum und Karriere

München. Ein Parlamentarischer Abend im neuen Format: „#Scheißegal – Kein Bock auf Politik?“ – so lautete der provokante Titel einer Veranstaltung der FREIEN WÄHLER am Freitagabend im Bayerischen Landtag. Rund 90 Gäste, darunter Vertreterinnen und Vertreter von Jugendorganisationen, Medien, Vereinen und Politik diskutierten darüber, auf welche Weise junge Menschen besser in politische Prozesse eingebunden und stärker für Politik interessiert werden können.
 
Dr. Hans Jürgen Fahn, generationenpolitischer Fraktionssprecher und Mitglied des Landtagssozialausschusses, wies gleich zu Beginn der Veranstaltung darauf hin, dass der demografische Wandel und der damit verbundene zahlenmäßige Rückgang junger Menschen nicht weniger, sondern mehr Engagement und mehr Investitionen in Kinder und Jugendliche erfordere. „In Zeiten zunehmenden Populismus‘ muss die Politik aufpassen, junge Menschen nicht zu verlieren. Denn das würde bedeuten, auch die demokratische Zukunft unseres Landes zu verlieren!“. Entscheidend, so Fahn weiter, sei die Frage, was junge Menschen wirklich bewege: „Auf den ersten Blick scheint es, als ob die Jugend im Vergleich zur Generation der 68-er keinen Bock mehr auf Rebellion hätte – ich bin aber überzeugt, dass in unserer Jugend viel mehr schlummert als nur der Drang nach Konsum und Karriere!“

Interessant: Das Interesse junger Menschen an Politik steigt seit Jahren – so die Feststellung von Ronny Türk, Geschäftsführer Minax Intermedia – dem Jugendportal des Deutschen Bundestages. „Du hast die Macht“, eine Studie der Robert Bosch Stiftung, habe etwa gezeigt, dass sich auch bildungsferne Zielgruppen für Politik begeistern lassen – sofern man sich der Lebenswelt der Menschen nähere. So könne das Video eines YouTubers, der die Sprache seiner Follower spreche, heutzutage viel mehr bewirken, als eine noch so aufwendige Produktion der Bundeszentrale für politische Bildung.
 
Jochen Kaufmann vom Fanprojekt München der AWO mochte sich ebenfalls nicht der Ansicht anschließen, Jugendliche interessierten sich zu wenig für Politik. Die AWO betreibe beispielsweise das „Lernen mit Kick“-Programm, eine Art „Klassenzimmer im Olympiastadion“ – mit großem Erfolg: Dort ließen sich die Betreuer wirklich auf Jugendliche ein, ließen sie Erfahrungen sammeln und machten sie zu selbstbewussten Experten. Im Sozial- und Bildungsbereich dürfe daher unter keinen Umständen weiter gespart werden – sonst erweise man der politischen Mitsprache junger Menschen gleich doppelt einen Bärendienst.
 
Mangelndes politisches Engagement kann jedoch auch einen sehr viel ernsteren Hintergrund haben, zeigte Nelli Geger auf, die Landesvorsitzende Jugend der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V.: Meist orientierten sich junge Menschen, die aus Russland nach Deutschland gekommen seien, stark an der Haltung ihrer Eltern. Diese rieten ihnen meist, sich nicht einzumischen, politisch zurückzuhalten, sich wegzuducken – das seien typische Ängste, die viele Russlanddeutsche aus ihrem Heimatland mitbrächten. Um dem zu begegnen, veranstalte die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland regelmäßig Seminare.
 
Martina Frohmader vom Bayerischen Jugendring setzte sich für eine Herabsetzung des Wahlalters auf 14 Jahre ein – so wie dies in den Kirchenparlamenten seit Jahrzehnten üblich sei. Sie könne hier keinerlei Nachteile erkennen, denn im vergangenen Jahr habe sich beim Brexit Großbritanniens gezeigt, dass gerade junge Menschen gegen den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hätten. Dies beweise die hohe politische Kompetenz der Jüngeren. Man dürfe die politische Bildung jedoch nicht allein auf die Schulen abschieben – vielmehr könne außerschulische Jugendarbeit das politische Interesse junger Menschen enorm steigern.
 
Der ehemalige FREIE WÄHLER-Landtagsabgeordnete Dr. Otto Bertermann forderte, nicht allein junge Erwachsene müssten zum politischen Engagement bewegt werden. „Wir müssen uns stattdessen fragen, was der Parlamentarismus tun kann, um den politischen Willen junger Menschen direkt umzusetzen. Meine Antwort lautet: Mehr direkte Demokratie – etwa durch wirksame Volksbegehren und Volksabstimmungen.“ Einmal alle vier oder fünf Jahren ein Kreuzchen auf dem Wahlzettel zu machen, reiche vielen Jugendlichen nicht aus.

Moderator Matthias Penkala, Landesvorsitzender Bayern der Jungen FREIEN WÄHLER, fasste die Diskussion abschließend zusammen: Es bedürfe mehr direkter Demokratie, denn die Sprache der Politik sei für viele junge Menschen zu kompliziert geworden. „Kein Wunder, dass politische Blogs junger Autoren besonders beliebt sind und Youtube-Kanäle millionenfach geklickt werden. Auch wenn manche Themen, wie Rente oder Altersarmut, für uns noch weit weg scheinen – irgendwann kommen wir doch einmal in das Alter, in der uns das alles direkt betrifft. Deshalb müssen wir jungen Menschen dafür sorgen, dass eine Politik betrieben wird, die uns später zugutekommt.“
 
In ihrem Schlusswort betonte die jugendpolitische Fraktionssprecherin Eva Gottstein, die FREIEN WÄHLER plädierten für eine Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre bei Kommunalwahlen. Das sei dann besonders sinnvoll, wenn bereits in Kindergarten, Schule und Berufsausbildung mehr Medien- und Politikkompetenz vermittelt werde. Auch ein bewussterer Umgang mit dem Stimmzettel könne hilfreich sein: „Wenn ich im Eichstätter Stadtrat sitze merke ich, dass wir politischen Verantwortungsträger teilweise auf dem Wege der Vergreisung sind. Deshalb sage ich unseren vielen jungen Gästen: Wenn Ihr mehr Mitsprache junger Menschen wollt, dann wählt bitte auch junge Leute in die Parlamente. Wählt vor allem junge Frauen. Denn genau an diesen zwei Bevölkerungsgruppen fehlt es in der Politik am meisten – und zwar nicht nur in Eichstätt.“

Hinweis: Fotos der Veranstaltung finden Sie HIER.

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