04.02.2018
Parlamentarischer Abend der FREIE WÄHLER Landtagsfraktion: „Ludwig Thoma – Dichter, Denker, Revolutionär“

Streibl: FREIE WÄHLER im kritischen Diskurs mit bayerischer Literatur – Lud-wig Thoma weder totschweigen, noch schönreden

München. Das Ansehen des oberbayerischen Schriftstellers Ludwig Thoma (1867-1921) hat deutliche Risse bekommen, seit bekannt geworden ist, dass er in seinen letzten Lebensjahren rechte Hetzartikel verfasste. Beim Parlamentarischen Abend der FREIE WÄHLER Landtagsfraktion „Ludwig Thoma – Dichter, Denker, Revolutionär“ im Maximilianeum bot der Parlamentarische Geschäftsführer und Oberammergauer Abgeordnete Florian Streibl den zahlreichen Gästen Gelegenheit, sich mit den zwei Seiten der schillernden Schriftstellerfigur auseinanderzusetzen.
 
„Ludwig Thoma wandelte sich vom Chefredakteur einer linksliberalen Satirezeitschrift zum rechten Hetzer, der unverhohlen zum Mord aufrief und wohl auch Hitlers Hasstiraden mitinspirierte“, sagt Streibl. Die Frage sei, wie man damit umgehen solle, dass der Verfasser der ‚Heiligen Nacht‘ und des ‚Münchners im Himmel‘ am Ende seines Lebens zum eifernden Antisemiten wurde. „Darf man diesen düsteren Teil seines Lebens und Wirkens abtrennen von seinem Gesamtwerk, um ihn als geliebten und wortgewaltigen Humoristen zu retten?“, fragt Streibl. Schließlich sei Thoma nicht nur auf Straßenschildern verewigt, sondern auch Namenspatron für Schulen und bekanntestes Gesicht der bayerischen Heimatliteraturszene.
 
Mit einer Aufführung des Thoma-Klassikers „Erster Klasse“ erhielt zunächst das literarische Werk Thomas Raum. Unter der Regie von Martin Müller brachten Mitglieder der Spielergemeinschaft Oberammergau, allesamt aus der weltberühmten Passionsspielgemeinde, diesen rasanten Einakter auf die Bühne des Senatssaals im Bayerischen Landtag. Das Theaterstück ist exemplarisch für Thomas satirischen und schonungslos realistischen Erzählstil, dem er auch in seinen Lausbubengeschichten Ausdruck verlieh – und es ist typisch für Thomas Themenwahl: Diese drehte sich immer wieder um die Alltagsschläue der oft „ungebildeten Bauern“, die Blasiertheit der Münchner Noblesse und den wenig schmeichelhaften, aber überaus unterhaltsamen Umgang miteinander.
 
Welche Rolle der Schriftsteller in der Münchner Literatur- und Theaterszene spielte, erörterte die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Gertrud Rösch, die bereits 1989 über Ludwig Thoma promoviert hat. Rösch betonte, dass die Werke Thomas bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren hätten. Allerdings dürfe Thoma nicht nur aus der germanistischen Perspektive betrachtet werden; auch Politologen müssten sich mit ihm befassen.

Denn das Argument, Thoma habe seine Urheberschaft als Verfasser rechter Pamphlete deshalb nicht preisgegeben, weil er sein literarisches Werk nicht habe infizieren wollen, muss an einer ernüchternden Erkenntnis scheitern: Der Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch Thomas Leben und beschränkt sich mitnichten auf seine letzten Lebensjahre. Schon früh hat Thoma anonym geschrieben und selbst in der linken Satirezeitschrift ‚Simplicissimus‘ Artikel verfasst, in denen sich judenfeindliche Unterstellungen häufen.
 
Ludwig Thoma erfordert eine vielschichtige Betrachtungsweise“, resümierte Streibl. Der Schriftsteller Thoma gehöre unstrittig zum Besten, was die bayerische Heimatliteraturszene hervorgebracht habe. „Doch als politische Person vollzog er eine äußerst problematische Wandlung – und präsentierte sich in seinen anonym verfassten Pamphleten als zynischer Menschenfeind“, kritisierte Streibl. Dennoch sei es der falsche Weg, Ludwig Thoma einfach ad acta zu legen.
 
„Sein Roman ‚Andreas Vöst‘ ist nach wie vor hochaktuell, sein pointiert-satirischer Schreibstil unerreicht und seine ‚Reden des Kaisers‘ können auch künftig getrost zu Thomas besten Texten gezählt werden.“ Streibl forderte, dass Thoma für seine literarischen Errungenschaften sehr wohl gewürdigt werden müsse – seine antisemitische Gesinnung aber weder totgeschwiegen noch schöngeredet werden dürfe.

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